CRE219 Partykultur

Über Musik, Gestaltung und gelebte Freiräume

Episode image forCRE219 Partykultur Anfang der 90er Jahre veränderte die Maueröffnung gemeinsam mit der Ravekultur die gesellschaftliche Landschaft in Deutschland schlagartig. Auf die depressiven 80er folgte eine Generation von feierwütigen aber auch überaus kreativen Jugendlichen, die sich ihre neu gewonnenen Freiräume auf großartigste ausschmückten. Begleitet von einem neuen Sound und Lebensgefühl entstand eine neue Dimension von Partys in der viele Zuflucht von einer andererseits komplexen und überfordernden Welt fanden.

Marc-André Janizewski ist einer der Gestalter dieser Generation, der gemeinsam mit seinem Kollegen Markus das Partykollektiv Pyonen begründete und mit der Nation of Gondwana eine der ältesten Partytraditionen der Technozeit in Deutschland etablierten und gemeinsam mit dem Chaos Computer Club das Chaos Communication Camp ermöglicht haben.

Wir sprechen über Freiräume, das Techno- und das Sicherheitsgefühl, Musik und DJs, Essen und Trinken und über Motivation und Verantwortung zwischen Veranstaltern, Mitstreitern und Gästen.
On Air
avatar Tim Pritlove Bitcoin spenden Icon Spenden via SEPA-Überweisung Icon Spenden via PayPal Icon
avatar Marc-André Janizewski
Shownotes:

15 Gedanken zu „CRE219 Partykultur

  1. Sehr geehrter Herr Janizewski,

    Mit großem Interesse habe ich Ihren Auftritt im Kulturpodcast „CRE“ verfolgt.
    Als langjähriger Besucher Ihrer Veranstaltungen fühle ich mich ermutigt, mit Ihnen den nächsten Schritt in meiner jungen und aussichtsreichen Techno-Karriere zu gehen.

    Mit großer Überraschung habe ich Ihre Schilderungen verfolgt, dass ein Mangel an Nachwuchs und Bewerbungen Sie zwingt, jährlich zu großen Teilen auf die gleichen Acts zurück greifen zu müssen. Hier sehe ich eine Möglichkeit zur Synergie.

    Ich würde mich daher gern bei Ihnen für die Nation of Gondwana 2019 als Main Act bewerben. Mein Terminkalender würde beispielsweise einen Slot am Samstag 0:00h-3:00h zulassen. Alternativ könnte ich es auch einrichten, am Sonntagabend die Kugel rollen zu lassen.

    Auf dem Chaos Communication Congress konnte ich mit meinem Act „tschunkelmusik“ bereits erste Erfahrungen als Closing Act sammeln:
    https://soundcloud.com/tschunkelmusik/35c3-dj-set-closing/s-WcU3l

    Ihrer positiven Rückmeldung sehe ich mit freudiger Erwartung entgegen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Linus Neumann

  2. Hi,
    spannend zu hören, wie alternative Musikfestivals aus erfahrener Hand produziert werden, gerade was die Gestaltung einerseits und dann auch die Kommunikation mit den Gästen angeht, ebenso beim mehr auf Gegenseitigkeit ausgerichteten Chaos Communication Camp. Ich würde diese zwei Varianten noch um einen Hinweis ergänzen auf die in Deutschland noch kleinen Ableger der Burning Man Community Festivals.

    Im Unterschied zu Nation of Gondwana und mehr noch als beim Camp liegt beim Kiez Burn die Gestaltung von dem, was passiert, ganz in den Händen der Teilnehmer*innen (-gruppen). Einige bringen jeweils ihre Vorstellung von Musik in Form von Soundcamps, aber ein großer Schwerpunkt liegt für alle auch in gemeinsamen Aktivitäten, und wie man die gestaltet. Außerdem gibt es vor Ort keinen Verkauf von irgendwas, so dass sich alle mit eigenen Küchen gruppenweise selbst organisieren und versorgen, entsprechend den zehn Prinzipien von Burning Man in Nevada, USA, und der über dreißig Jahre gelebten Kultur (wie z.B. leave no trace, self expression, participation).

    Während es sonst oft ein “kommen in der Gruppe, bleiben in der Gruppe, gehen wieder als Gruppe” gibt, geht es hier auch um Erfahrungen mit Menschen und Dingen, die überraschend sein können (weil ja jeder Mensch anders ist und anderes mit sich bringt). Und: die Community ist das ganze Jahr voll Aktivitäten (wie der CCC), nicht nur für 5 Tage, oder wenn es wie Kiez Burn schon ausverkauft ist …

    Bei Bedarf gerne mehr Infos :-)
    Dusty Hugs
    Owl (aka Holger, owl@berlinburner.de)

    • (damit keine Überraschungen auftreten: Kiez Burn ist in seinem dritten Jahr mit <1000 Teilnehmer*innen noch deutlich kleiner als CCC und Nation, weil der Event nur so wächst, wie sich die komplette Freiwilligenstruktur aus der Community trägt).

  3. Tim hat es in den ersten paar Minuten auf den Punkt gebracht. Endlich wieder ein neuer CRE. Ein angenehmer Gesprächspartner und auf jeden Fall sehr interessant das Thema mal von der Veranstalterseite zu beleuchten.

  4. Mal wieder ein schöner CRE. Leider wird bei den Anfängen des Techno wie schon in CRE136 Frankfurt nicht erwähnt, obwohl dort der Techno in Deutschland wesentlich mitgeprägt wurde. Auch der erwähnte Herr Väth machte 1982 im Dorian Gray seine ersten Schritte. Nicht alles kommt aus Berlin ;-)

    • Dazu magst Du vielleicht mal in CRE136 reinhören, dass sich konkreter mit der Entstehung der Techno-Szene auseinandersetzt und da kommt das auch zur Sprache. Hier ging es mehr um die Open Air Partykultur, die sich anfangs definitiv mehr auf der Achse Hamburg-Berlin entwickelt hat.

      • Ich hatten die Folge 136 ja bereits erwähnt, die kenne ich, ist auch eine schöne Folge, in der die Entstehung und Entwicklung des Techno recht ausführlich beleuchtet werden – aus Berliner Sicht. In beiden Folgen ist das Narrativ, dass Techno aus England nach Berlin kam. Frankfurt und der Rhein-Main-Raum sind im Verhältnis zu ihrer Bedeutung deutlich unterrepräsentiert. Frankfurt, Dorian Gray, Omen, werden in CRE136 in Halbsätzen zwischen Disco und Industrial oder Chillout und Open Air nebenbei mal erwähnt.
        Die Frankfurter Sicht kann man z. B. im Podcast “Electronic Germany” nachhören, in der Folge 2 wird Frankfurt im Speziellen behandelt:
        https://www.podcast.de/episode/390473651/

        • In Frankfurt wurde recht früh eine Kommerzialisierung von Techno und ein Starkult betrieben. Das fand man im schluffig-untergrundigen Berlin eher blöd oder bestenfalls belustigend. Scheinbar wirkt sich das bis heute auf die offizielle Geschichtsschreibung aus. Dazu kommt das Narrativ von Techno als Soundtrack zur deutschen Wiedervereinigung. Das passt natürlich etwas besser nach Berlin als Frankfurt.

  5. Wow Danke! Finde eure Veranstaltungen super, habe aber zwei kleine Anmerkungen:

    1.: Doch Verbieten von Dingen ist manchmal doch richtig und gut. Auch wenn ich bei den hier angesprochenen Drogen das Verbot falsch finde finde ich es trotzdem gut, dass Schusswaffen verboten sind und finde auch, dass dieses Verbot in Deutschland dazu geführt hat, dass es hier deutlich weniger Schusswaffentote gibt als z. B. in den USA.

    2.: Drogen (ausser Kaffee, Alkohol, Nikotin) sind verboten. Das finde ich falsch, aber ich finde es nicht den richtigen Weg diese trotzdem auf diesen Veranstaltungen zu dulden. Dadurch liefert man der etwas freidrehenden Polizei eine legale Grundlage und einen Vorwand. Ich fände es den besseren Weg dort auf Drogen zu verzichten solange sie verboten sind und sattdessen verstärkt darauf hinzuarbeiten, dass diese Drogen generell legalisiert werden. Aus meiner Sicht ist der Konflikt mit der Polizei sonst nicht zu gewinnen.

  6. Ahhhh, endlich! Danke für einen neuen CRE und dann auch noch über eines meiner Lieblingsthemen :)

    Sehr coole und spannende Einblicke und danke auch für die Thematisierung von Drogen, die ja sonst von Veranstalter*innen gerne unter den Teppich gekehrt wird („Bei uns nimmt keiner Drogen“). Natürlich spielen Drogen eine Rolle, und natürlich auch die Art der Drogen – auf jedem Dorffest gibt es (laut Aussage der Polizei!) mehr Gewalt als auf der Fusion mit seinen 70 000 Besucher*innen. Ich selbst arbeite bei Eclipse (der psychedelischen Ambulanz auf der Fusion) und weiß, dass man zwar auch mit LSD, Gras und MDMA Probleme bekommen kann, dass man aber in der Regel nie auf diesen Substanzen eine Schlägerei anfängt, wie dies auf Alkohol immer wieder passiert. Die Friedlichkeit der Veranstaltungen und das Miteinander dort geht auch (aber natürlich nicht nur) auf Substanzen wie diese zurück.

    Was mir ein bisschen gefehlt hat in dem Gespräch war die gesellschaftliche Einordnung des Feierns: Natürlich geht es um Spaß und um Hedonismus, aber nicht nur. Gerade Festivals (vor allem Electro- und Goa-Festivals) sind für mich so etwas wie utopische Testräume, in denen für ein paar Tage die repressiven Regeln und Konventionen des Alltags aufgehoben sind und wo sich Menschen auf einmal so behandeln können, wie man das eigentlich möchte; achtsam, fürsorglich, offen, tolerant, freundlich. Auf einmal ist es egal, was man anhat, ob dies Männer- oder Frauenkleider oder irgendwas anderes ist, ob und welche Drogen man konsumiert, welche sexuelle Identität man hat, was man im Alltag für eine berufliche und soziale Stellung hat. Gerade die Fusion hat mich in dieser Hinsicht immer wieder beeindruckt. Wie gesagt: 70 000 feiernde Menschen und dabei jedes Jahr nur Gewalttaten im einstelligen Bereich – wenn das nicht utopisch ist!

    Man darf auch nicht vergessen, dass Clubkultur wesentlich von marginalisierten Minderheiten wie der Schwulenszene mitaufgebaut und geprägt wurden, die sich in diesem Rahmen Freiräume geschaffen haben, von denen auch wir „Normalos“ heute profitieren.

    Realitätsflucht beschriebt diesen Vorgang der sozialen Regeneration nur unzulässig, auch, da er negativ behaftet ist. Es geht ja (im Idealfall) nicht nur darum, für ein Wochenende Pauschalurlaub zu machen und danach am Montag um acht wieder im Büro zu sitzen, als sei nichts gewesen. Es geht darum – im besten Fall – für ein paar Tage ein schöneres Leben zu leben und danach nicht damit aufzuhören, sondern die positiven Erfahrungen, wie Menschen miteinander umgehen können, in den Alltag zu integrieren. Man könnte auch sagen: Das im Testraum Gelernte in der Realität anzuwenden, achtsamer, fürsorglicher, freundlicher, empathischer miteinander umzugehen.

    Dass es immer mehr Festivals gibt und dass sie immer beliebter werden, liegt sicher nicht nur daran, dass es in Innenstadt-Lagen keine Räume für Clubs mehr gibt. Es gibt ein gesellschaftliches, soziales Bedürfnis nach diesen Utopien (bzw. Heterotopien) auf Zeit, in denen wir Gemeinschaftserfahrungen machen können, die uns im Alltag abhanden gekommen sind. Vielleicht gibt es sogar ein religiöses Vakuum, das das Feiern füllt, da wir nach der Säkularsierung aller Lebensbereiche das Bedürfnis haben, neue (schönere) Rituale zu erfinden, die unserem Dasein Sinnhaftigkeit verleihen. Und ja: Auch hier spielen vor allem psychedelische Drogen erneut eine Rolle.

    All das (und noch einiges mehr) steckt für mich in Feierkultur drin und diese Dimension ist mir enorm wichtig. Vor diesem Hintergrund habe ich die Pläne des Polizeipräsidenten gegenüber der Fusion als einen Angriff auf die Zivilgesellschaft empfunden, die hier zum Glück gemeinsam aufgestanden ist und sich durchgesetzt hat.

  7. Ich fand die Folge nicht so spannend. Es ging in meinem Empfinden um einige sehr spezielle Veranstaltungen, die ich nicht allein und allgemeingültig unter dem Begriff “Partykultur” zusammengefasst hätte. Hier hat sich glaube ich die ganz spezielle Bubble in der die beiden Gesprächsteilnehmer leben durchgesetzt. Das Gespräch an sich war trotzdem in Ordnung, nur eben war es für mich nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus dem von mir erwarteten Themenkomplex.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.